Sagen und Mythen um Clausthal-Zellerfeld

Der Oberharz-Harz ist ein Land der Sagen und Mythen

Hier finden dämonische Geister in Burgruinen, bizarr geformten Felsen, dunklen Fichtenwäldern und Bergstollen eine ideale Heimstätt für dunkle Geschichten und Märchen. 

Allerdings, so sagt man, haben nur Sonntagskinder das Glück die Riesen, Zwerge, Berggeister, Prinzessinnen, Hexen und Teufel zu erblicken.

Die Magd und die Räuber von Zellerfeld

In Zellerfeld gab es einst zwölf üble Räuber, die den ganzen Oberharz unsicher machten. Viele ehrliche und anständige Harzer wurden von ihnen um ihren ganzen Besitz gebracht und einige sogar auf grausame Weise ermordet worden sein. Elf der zwölf Räuber sollen in der Wegsmühle bei Zellerfeld durch die Hand einer mutigen Dienstmagd in grausiges Ende gefunden haben. Und so soll es sich zugetragen haben:

Eines Abends kam ein Fremder zur Wegsmühle, der trug einen großen Sack voll Hede. Er bat den Sack im Kuhstall der Mühle abstellen zu dürfen, da er noch mehrere Geschäfte in der Gegend zu erledigen hatte. Diesem Begehren wurde dem Mann vom Müller stattgegeben.

Grafik von Lisa BergDann ging der Müller mit seiner Frau aus und die fleißige Magd ging in den Kuhstall, um die Tiere zu melken.

Da sah sie plötzlich, wie sich der abgestellte Sack zu bewegen begann. Schnell rannte sie ins Haus, holte die Flinte des Müllers und als sich der Sack wieder zu bewegen begann, feuerte sie auf ihn. Ein entsetzliches Klagegeschrei setzte ein, dann durchstieß ein langes, scharfes Messer den Sack von innen und ein bluttriefender Mann kroch aus dem Sack. Dem Tode nahe, berichtete er noch, dass draußen seine zehn Brüder auf sein Zeichen warteten. Auf das Signal mit seiner Pfeife hin, wollten sie durch die Klappe neben der Mühlwelle eindringen und die Mühle ausrauben. Dann brach der Räuber aus dem Sack tot zusammen.

Die Magd überlegte nicht lange, sie nahm das große Messer des toten Räubers, stellte ihre Lampe neben die Klappe, öffnete diese und gab das Signal. Kurze Zeit später steckte der erste Räuber seinen Kopf durch die Klappe. Die Magd griff ihm ins Haar und schnitt ihm so rasch und geschickt die Kehle durch, dass er keinen Laut mehr von sich geben konnte. Dann zog sie ihn durch die Klappe herein. So folgten alle neun anderen Brüder, einer nach dem anderen und keiner konnte mehr einen Laut ausstoßen und seine Hintermänner warnen.

Kurze Zeit später kam der Wirt mit seinem Weib nach Hause. Als sie sahen, was geschehen war, erschraken sie gewaltig, aber sie waren auch sehr froh, dass alles für sie so gut ausgegangen war. Sie lobten und belohnten die tapfere Magd und nahmen sie als eigenes Kind an.

Der Müller war reich und angesehen und ihre neue Tochter, die Magd, ein sehr schönes Mädchen. So war es nicht verwunderlich, dass sich bald zahlreiche Freier einstellten. Unter denen war auch ein vornehmer Stadtherr. Er hatte eine große Ähnlichkeit mit den elf toten Räubern, aber das bemerkte keiner. Auch nicht die Mädchen, das seinem Werben Gehör schenkte und einwilligte ihn in die Stadt zu begleiten, um sein Haus in Augenschein zu nehmen. Sie stieg mit ihm in eine Kutsche und als sie einen dichten Wald durchquerten, bog der Wagen plötzlich vom üblichen Weg ab. Das Mädchen bemerkte das sofort, ließ sich aber nichts anmerken und verbarg ihre Angst geschickt.

Dann kamen sie an einen Berghügel und eine versteckte Falltür öffnete sich. Eine alte Frau saß vor dem Tore in der Sonne, erhob sich als die Kutsche vorfuhr und begrüßte die Ankömmlinge sehr freundlich. Das Mädchen ahnte jetzt, wo es war und sie wusste auch, dass sie nur mit viel List und Klugheit unbeschadet aus dieser Situation herauskommen konnte. Zusätzlich kam ihr ihre blendende Schönheit zu gute. Schon nach wenigen Tagen hatten der Räuber und seine Mutter ihr Vorhaben, das Mädchen zu ermorden, vergessen und wurden ihr sehr vertraut. Das Mädchen nutzte diese Vertrautheit und als eines Tages der Räuber sich zum Mittagsschlaf legte, nahm sie sein großes Messer und schnitt auch ihm, wie seinen elf Brüdern, die Kehle durch. Dann eilte sie, so schnell sie ihre Füße trugen, zur Mühle zurück. Der Müller berichtete dem Amtmann und dem Gerichtsdiener und die holten die Mutter der Räuber ab und veranlassten ihre Hinrichtung.

In der geheimen Höhle fand man auch gewaltige, geraubte Schätze. Die Hälfte aller Schätze wurde dem Mädchen für ihren Mut und ihre Tatkraft zuerkannt, die andere Hälfte wurde an ihre früheren Besitzer zurückgegeben. Die ganze Gegend von Zellerfeld war von da an von der Räuberplage befreit. Befreit war aber auch das reiche und hübsche Mädchen von allen Freiern! Dann welcher Mann will schon eine Frau haben, die 12 Männern die Kehle durchgeschnitten hat? Sicher kein angenehmer Gedanke, der zum sorglosen Einschlafen einlädt.

Der Teufel der St. Salvator Kirche

Eines Sonntags besuchte ein Geisterseher den dortigen Gottesdienst. Er war ohne Zweifel ein frommer Mann. Durch seine eigentümliche Begabung konnte er aber eine Beobachtung machen, welche allen anderen Kirchgängern verborgen blieb.

Unweit von seinem Platz saßen zwei Bergleute, welche nicht den Worten des Pfarrers lauschten, sondern sich Unsinn erzählten und Gott lästerten. Hinter ihnen saß der Teufel und notierte sich ihre Sünden auf die Haut einer Kuh. Bald schon war die Kuhhaut vollgeschrieben und der Teufel versuchte, diese durch kräftiges Ziehen zu vergrößern, um mehr Platz für seine Aufzeichnungen zu bekommen. Dabei verlor der Pferdefüßige jedoch das Gleichgewicht und fiel hin.

Der Geisterseher mußte laut lachen, als er dies sah. Daraufhin stellte der Pfarrer den guten Mann zur Rede und wollte den Grund für seine plötzliche Heiterkeit erfahren. Nun berichtete der Geisterseher, was er beobachtet hatte und die beiden Bergleute wurden ganz blaß vor Schreck. Der Pfarrer wandte sich an diese und sie gaben ihr sündiges Verhalten zu. Sie gelobten Besserung und waren fortan gute Christen.

Der Teufel aber, welcher seine Niederlage erkannte, zerriß die Kuhhaut und verließ das Gotteshaus wütend durch das Kirchendach. Das dabei entstandene Loch ließ sich lange Zeit nicht wieder schließen.

Seit dieser Begebenheit sagt man, wenn das Sündenregister eines Menschen übervoll ist: „Das geht auf keine Kuhhaut!“ 

Die Erznase

Selten nur lässt sich der Bergmönch vor menschlichen Augen sehen. Dafür ist er aber häufig in den Gruben, während die Bergleute arbeiten, unsichtbar anwesend. Er beobachtet sie scharf und weiß stets die Guten zu belohnen und die Bösen zu bestrafen.

Einst fuhren zwei Knappen aus Clausthal, mit Namen Dietrich und Max, in den Schacht. Dietrich war ein frommer und ehrlicher Mensch, Max dagegen unredlich und boshaft. Als beide nach vollendeter Schicht aus der Tiefe zum Licht empor fuhren, bemerkte der erstere, dass sein Kamerad heimlich ein Stück Silberstufe in seinen weiten Taschen verschwinden ließ. Sogleich warf er dem Gefährten das Ungehörige seiner Handlungsweise mit ernsten, aber doch freundlichen Worten vor. Und er erklärte ihm, dass, wenn er nicht auf der Stelle das Entwendete an seinen Platz zurücklege, ihn sein Gewissen zwinge, dem Schichtmeister Anzeige von der Angelegenheit zu machen. Ein höhnisches Lachen war die einzige Antwort auf diese Rede.

Als beide zu Tage gekommen waren und zufällig dem Vorgesetzten begegneten, trat der heimtückische Max unverschämt auf ihn zu und sagte: „Herr Schichtmeister, habt ein Auge auf Dietrich. Er schändet den guten Ruf der Knappschaft, indem er sich durch Entwendung von Silberstufen bereichert. Lasst auf der Stelle seine Taschen untersuchen und Ihr werdet finden, dass ich die Wahrheit gesprochen habe“. Wie vom Blitz getroffen stand Dietrich da, staunend über die ungeheure Frechheit des Lügners. „Wenn sich bei mir etwas finden sollte“, rief er ihm zornig bebend entgegen, „so bist du Schändlicher es gewesen, der mir das, was du gestohlen heimlich zugesteckt hat!“.

Grafik von Lisa Berg

Der Schichtmeister, der die beiden seit vielen Jahren kannte und wohl wusste, was er, sowohl von dem einen, wie vom anderen, zu halten hatte, war sofort von der Unschuld des Dietrich überzeugt und sagte dem Max auf den Kopf zu, dass er ein schändlicher Verleumder sei.

Max schwor hoch und heilig, dieses Mal im Recht zu sein. „So wahr als meine Nase kein Erzklumpen, sondern von Fleisch und Blut ist, so wahr habe ich gesprochen!“ rief er laut. Da flog, von unsichtbaren Händen durch die Luft geschleudert, aus dem Schacht ein großes Stück Erz dem Max mitten ins Gesicht hinein, so dass das Blut hoch aufspritzte.

Gerade an der Stelle der Nase blieb der Klumpen wie festgewachsen sitzen und ragte sechs Zoll in die Luft. Alle Anwesenden merkten, dass der Bergmönch seine Hand im Spiel gehabt haben musste. Max machte ein gar klägliches Gesicht und versuchte sich von seiner Erznase zu befreien. Es gelang ihm nicht. Zur Strafe für seine Bosheit hat er sie bis an sein Lebensende behalten. Außerdem musste er als Dieb ins Gefängnis wandern, da durch den sonderbaren Vorfall seine Unredlichkeit klar bewiesen war, und er selbst erschüttert von der gerechten Vergeltung sein Unrecht eingestand.

Die Bremerhöhe in Clausthal

Auf der Bremerhöhe bei Clausthal stand einstmals eine Windmühle. Diese Höhe, die Mühle und der ganze Wald ringsum gehörten einem Manne mit Namen Bremer. Nach ihm, der sehr reich gewesen sein soll, wurde auch die Bremerhöhe benannt.

Grafik von Lisa BergAn einem schönen Frühlingsmorgen ging Bremer in seinem Forst spazieren, um nach dem Rechten zu sehen. Er hatte gut gefrühstückt und war guter Dinge, da hörte er einen Kuckuck rufen. Ach, dacht er sich, es wäre doch nicht verkehrt zu wissen, wie lange du noch zu leben hast. Also fragte er den Kuckuck, wie lange er noch zu leben haben wird. Da ruft der Vogel: Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck.

Oh, denkt Bremer, nur noch drei Jahre, da ist nicht mehr viel Zeit. Da werde ich es mir in der verbleibenden Zeit so angenehm wie möglich machen. Und er begann alles zu Geld zu machen, was er besaß: den Berg, den Forst, die Mühle, sein Haus und was er sonst noch so sein Eigen nennen konnte. Nach drei Jahren war alles weg und das Geld verprasst. Wer aber nicht kam, war der Tod! Bremer war verzweifelt und seufzte: „Oh, du schlechte Welt! Nicht mal einem Kuckuck kann man mehr trauen!“

Der dumme Schelm war nun so arm, dass er betteln musste, um nicht zu verhungern und der Tod wollte noch sehr viele Jahre nicht kommen. Immer wenn er dann in Clausthal oder in Zellerfeld um Almosen bat, so hat er gesagt: „Seid doch so gut und gebt einem armen, alten Mann etwas, den der Kuckuck betrogen hat!“